Wie tragen Klimaanlagen zur Verbreitung des Corona-Virus bei?

Eine Stellungnahme von Dipl.-Ing. Hans Heydemann, Ingenieure22, auf eine aktuelle Anfrage, wie es sich bei der derzeitigen Corona-Pandemie mit der Verbreitung des Virus durch Klimaanlagen in Zügen, Flugzeugen, Kreuzfahrtschiffen, aber auch Einkaufszentren, Supermärkten usw., verhält:

„Klima-Anlagen" sind nicht geeignet, Bakterien und Viren zu vernichten oder auch nur abzuhalten – die Filter können nur Stäube bis zu einer der jeweils verwendeten Filterklasse entsprechenden „Feinheit“ zurückhalten. Bakterien und erst recht die noch viel kleineren Viren gehen da glatt und sauber durch. Ich sage das, weil ich als Klima- und Lüftungsingenieur weiß, wovon ich rede. In der sogenannten „Reinraumtechnik“, etwa für OP-Säle für Knochen-OPs u.ä. sind die Anforderungen an die „Keimfreiheit“ natürlich viel strenger, aber „null Keime“ erreicht man auch mit der sehr aufwendigen mehrstufigen Filtertechnik mit nachgeschalteter Schwebstoff-Filterstufe nicht.

„Klima-Anlagen“ in Zügen und Flugzeugen sind gar nicht dafür vorgesehen, irgendwelche Keime zurückzuhalten; die Filter dieser „Klima-Anlagen" [die in Wirklichkeit keine Klimaanlagen im strengen Sinne sind, sondern nur Luftkühlanlagen, ggf. Luft -Heiz--/-Kühlanlagen] sind in der Regel nur einfache Vorfilter zur Rückhaltung gröberer Stäube, allenfalls ist eine weitere Filterstufe zuluftseitig nachgeschaltet. Die Filter-Einsätze müssen überdies regelmäßig gewechselt werden – ob das immer im notwendigen Umfang geschieht, bleibt offen und ist das (Kosten-)Geheimnis des jeweiligen Betreibers.

Zur Energie-Einsparung sind diese Anlagen in aller Regel mit Umluft-Betrieb vorgesehen, wobei die zurückgeführte Raumabluft nur gering, oft überhaupt nicht gefiltert wird. Dadurch können in der Raum-Abluft enthaltene Bakterien und Viren wie auch sonstige Luftschadstoffe munter angereichert und weiterverbreitet werden. Die gute alte Fensterlüftung in den Zügen früherer Zeiten war nicht nur kostengünstiger (und ausfallsicher!!); sie hatte in der Tat den Vorzug, Keime nicht weiter zu verbreiten.

Am übelsten sind Klimaanlagen mit sogen. „Luftwäschern“ zur Luftbefeuchtung (im Winter nötig, um die zu trockene Außenluft auf erträgliche 40 – 50 % rel. Feuchte zu befeuchten). Solche „Luftwäscher“ mit ihrem im Kreislauf geführten Befeuchtungswasser sind die reinsten Brutstätten für Bakterien und haben u.a. schon viele Tote durch Legionellen zur Folge gehabt, weswegen Luftwäscher – früher Standard bei jeder „echten“ Klimaanlage - heute kaum noch eingesetzt werden, und wenn, dann auch nur mit besonderem Verkeimungsschutz.

Um die Verbreitung des Corona-Virus zu verhindern, müssten die „Klima-Anlagen“ in Zügen und Flugzeugen abgeschaltet werden. Doch das geht nicht, weil die Reisenden sonst ersticken würden – öffenbare Fenster gibt es ja nicht mehr.

Von einem, der es wissen muss, weil er ein Berufsleben lang damit zu tun hatte!"

Nachtrag von Hans Heydemann:

Die Verstaubung, ja regelrechte „Verdreckung" der Luftkanäle, insbesondere auf der Abluft- und auch der Umluftseite im Laufe einer jahrelangen Betriebszeit, ist und bleibt ein grundsätzliches hygienisches Problem aller Lüftungs-und Klimanalagen, weil sich diese - ohnehin in aller Regel völlig unzugänglich in Installationsschächten und Zwischendecken „versteckt"- gar nicht reinigen lassen. Hinzu kommt, dass die Luftkanäle oft schon beim Einbau mehr oder weniger stark vom allgegenwärtigen Baustaub verdreckt sind, aber nicht gereinigt werden. Lose abgesetzter Staub fliegt dann erst mal bei der Inbetriebsetzung der Anlage raus, das kann dann ganz schön aus den Luftauslässen herausstauben.

Bedenklich ist vor allem, wenn an den Luftkanälen von der Fertigung her noch ein Öl- oder Fettfilm haftet, wie er bei den Schneide- und Kantmaschinen benötigt wird. Dieser Fettfilm bindet dann allen Staub und Dreck und bildet damit einen herrlichen Nährboden für Keime aller Art.

Reinigungsöffnungen in Luftkanälen sind zwar möglich, werden aber nur äußerst selten angewandt und erlauben überdies auch keine gründliche Innenreinigung. Das alles gilt erst recht auch für die „Klima-Anlagen" in Zügen und Flugzeugen.

Und schließlich noch ein Wort zu den Bodenbelägen und Wandverkleidungen: die in der Regel verwendeten Teppichböden sollen zwar ein „behagliches Wohlfühl-Empfinden" bei den Reisenden erzeugen; die damit einhergehenden hygienischen Probleme bleiben jedoch unbeachtet - Teppichböden lassen sich auch mit noch so gründlicher Staubsaugung nicht so sauber halten wie dies aus hygienischer Sicht eigentlich nötig wäre. Das trifft auch für textile Wandverkleidungen und die Sitze zu. Statt Teppichböden in Zügen und Flugzeugen wären Linoleum-Beläge aus hygienischer Sicht besser geeignet. In der Hinsicht war die gute alte Dampfeisenbahn mit dem einfachen Holzfußboden und den hölzernen Sitzbänken besser.

Anmerkungen:

Nach einem Beitrag im INFOsperber „Coronaviren und Klimaanlagen - es ist kompliziert" ist die Gefahr der Verbreitung des Virus durch Klimaanlagen zwar durchaus gegeben, aber weniger hoch als bei direktem Kontakt mit Infizierten durch Tröpfcheninfektion - ganz besonders dort wo viele Personen längere Zeit auf engstem Raum zusammenkommen und dort schreien, reden und diskutieren, feiern bzw. herumhusten.

Hat sich eigentlich schon einmal jemand überlegt, wie hoch die Infektionsgefahr z.B. bei Taxifahrten ist, bei denen man auf engstem Raum direkt neben dem Fahrer sitzt und sich unterhält? Wenn zuvor ein Infizierter oder Virenträger mitgefahren ist und dem Taxifahrer seine Viren übergeben hat und dieser sie an den nächsten Fahrgast weiterreicht, dann kann es bereits passiert sein. Daher sollten Taxifahrer regelmäßig, mindestens jedoch täglich überprüft werden. Ähnliches gilt auch für Bedienungspersonal in Gaststätten, Kassiererinnen im Supermarkt usw. die ebenfalls einen ziemlich direkten Kontakt zu Kunden haben.